Professor Rudolf P. Hübener

Atomforschung in Tailfingen
In der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte, dem vorletzten Jahr des Zweiten Weltkriegs, wurde das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie von Berlin nach Tailfingen auf der Schwäbische Alb ausgelagert. In Berlin konnte das Institut wegen der Luftangriffe der Alliierten seine Arbeit nicht mehr fortsetzen. In dem Berliner Institut hatten Otto Hahn und Fritz Straßmann im Dezember 1938 die Spaltung des Atomkerns entdeckt. Die mit der Spaltung verbundene Freisetzung von Kernenergie wurde anschließend zum Ausgangspunkt bedeutender Entwicklungen: einerseits der Kernreaktoren und andererseits der Atombombe. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik musste damals ebenfalls Berlin verlassen und zog nach Hechingen und Haigerloch in der Nähe von Tailfingen. Im Physik-Institut arbeitete eine Gruppe von Physikern unter der Leitung von Werner Heisenberg an dem Versuch, in einem Kernreaktor eine Kettenreaktion zu erzielen und aufrecht zu erhalten.

 

Otto Hahn war von Juni 1944 bis zu dem Tag im April 1945 in Tailfingen, an dem er von einem amerikanischen Spezialkommando „verhaftet“ wurde. Vom 3. Juli 1945 bis 3. Januar 1946 war er im englischen Farm Hall bei Cambridge zusammen mit neun anderen deutschen Atomforschern interniert. Von 1948 bis 1960 amtierte Hahn als Gründungspräsident der Max- Planck-Gesellschaft, der Nachfolgerin der früheren Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Das Institut zog 1949 von Tailfingen nach Mainz in das dort neu entstandene Max-Planck-Institut für Chemie (heute Otto-Hahn-Institut).

In seinem gerade erschienen Buch „Den Teufel Holt Keiner! – Otto Hahn und das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Tailfingen“ erzählt Volker Lässing sehr lebendig und unterstützt durch viele Photographien und zitierte Dokumente die damaligen Ereignisse in Tailfingen. Die zahlreichen beteiligten Menschen sind besonders in den Vordergrund gestellt. Die Hauptfigur, Otto Hahn, erscheint als sympathischer, bescheidener, den Menschen zugewandter und vom Naziregime abgewandter Mitbürger. Von den jungen Mitarbeitern Hahns hat ein großer Teil später wichtige Positionen auf dem Gebiet der Atomforschung in Deutschland erhalten.

Dem Autor gelingt es, die damalige Zeit des Kaiser-Wilhelm-Instituts und seiner Menschen am Kriegsende und beim Neuanfang nach dem Umbruch wieder lebendig werden zu lassen. Die verschiedenen Fabrikgebäude der Textilindustrie in Tailfingen, auf die das Institut verteilt wurde, werden genau behandelt. Das erste Kapitel vom Kriegsende bis zum Abtransport von Otto Hahn ist von besonderer Dramatik. Das Buch ist ein herausragender und lesenswerter Beitrag zur Zeitgeschichte.

Professor Rudolf P. Hübener (Universität Tübingen, Experimentalphysik II)

Volker Lässing, „Den Teufel holt keiner!“
– Otto Hahn und das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Tailfingen

CM-Verlag 2010
ISBN 978-3-939219-00-2